Von Jürgen Weil

In Villmar ist er der „Mister Turnverein“: Herbert Müller. Mitglied seit 70 Jahren, begeisterter Turner und lizenzierter Übungsleiter, ein sportliches Ass mit unzähligen Erfolgen in Einzel- und Mannschaftswettbewerben bei Gau- und Landesturnfesten, hartnäckiger Kämpfer für eine moderne Vereinsturn- und Mehrzweckhalle 1974, 10 Jahre Vorsitzender, Ehrenvorsitzender seit 1997, Träger wertvoller silberner und goldener Ehrennadeln und des Landesehrenbriefs seit 2007, akribischer Bewahrer des Vereinsarchivs, unermüdlicher Mahner und gern gehörter Berater bis heute. Am 27. Februar wird er 80.

Herbert Müller ist Zweitältester unter vier Brüdern, alle werden Turner. Auch er hat mit seiner Frau Gretel, leider vor drei Jahren nach schwerer Krankheit verstorben, vier Kinder, drei Töchter, einen Sohn. Vier Enkel gehören inzwischen zur Großfamilie. Für alle, 30 an der Zahl, gibt es eine besondere Familien-Geburtstagsfeier am vierten März. Die Vereinsfamilie und Freunde kommen zum Geburtstagsempfang am Rosenmontag ab 10.00 Uhr in die König-Konrad-Halle.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Herbert Müller im Vereinstrikot

Am 1. Januar 1946 begann Müllers Turnkarriere mit dem Eintritt in den TVV, in dem der Opa erster Turnwart ist. Eine schwere Zeit, Willi Flach hat gerade bei der Besatzungsmacht die Aufhebung des Turnverbots für die „Jahnjünger“ erreicht. Der Bub musste Krieg hautnah miterleben, mehrfach Todesangst bei Angriffen von Tieffliegern, in Feldfurchen geduckt, Verlust eines Freundes bei der Explosion in einem nahen Munitionsdepot. Die „Turner“ der Nachkriegszeit halten zusammen, in den Übungsstunden in der Halle am Lahnufer turnen Jung und Alt in vier Riegen, es herrscht strengste Disziplin. Die Jungs laufen im Winter auch auf selbst konstruierten Skiern auf der Tellswiese oder am Galgenberg, bauen sogar kleine Sprungschanzen.

In der Schule fällt Herbert Müller als hervorragender Kopfrechner auf, weiß Alterskollege Friedel Friedrich, „ein zäher Bursche schon damals“. Das hilft ihm, auch beruflich Karriere zu machen. Er lernt Kaufmann im Eisengroßhandel in Weilburg, harte Lehrjahre mit bis zu 70 Wochenstunden, wechselt 1955 zur Bahn, beschäftigt zunächst im Gleisbau und bei der Güterabfertigung, später als Schrankenwärter und Fahrdienstleiter. Sein Förderer Jakob Brahm hilft ihm beim Besuch von Fachschulen, er bildet sich weiter zum Bundesbahnassistenten, wird Ober- und Hauptsekretär, dann Betriebsinspektor und wird schließlich 1997 als Regierungsamtsinspektor pensioniert. Parallel zur Berufslaufbahn engagiert sich Herbert Müller als Kinder- und Jugendturnwart im Verein und Oberturnwart im Turngau Mittellahn, erwirbt Übungsleiterlizenzen und erhält auch einen Lehrauftrag für „Lehrlingssport“ im Eisenbahnersportverein (ESV) Limburg sowie 1970 einen Lehrauftrag des hessischen Kultusministeriums in der Grund- und Hauptschule Villmar.

Sportlich ist er ein Ass, er gilt als „Mr. Flickflack“, beherrscht exzellent den Salto vorwärts und rückwärts. Boden und Barren sind seine Lieblingsgeräte, er glänzt aber auch am Reck und beim Sprung. Die meisten Siege erringt er im Geräte-Zwölfkampf. Weggefährte Herbert Schmidt weiß aber auch von seiner größten Enttäuschung: 1953 darf der erst Sechzehnjährige nicht mit zum ersten deutschen Turnfest nach Hamburg: „Schnullesse nemme mer net mit!“, bekommt er zu hören. Die schönste Erinnerung hat Herbert Müller an den spannendsten Wettkampf seiner Laufbahn um die Gaumeisterschaft 1959 in Dauborn: Bei Punktgleichheit zwischen Villmar und Camberg entscheidet die letzte Übung am Reck Herbert Müller für sich, im Einzel- und für seine Mannschaft im Mehrkampf. Bis vor wenigen Monaten hat er noch in der Gaualtersriege Mittellahn geturnt. Herzkatheder, Nieren- und Nervenkrankheiten halten ihn nicht davon ab, in einer Gruppengymnastik mitzumachen, im Gegenteil, geeigneter Sport bringt ihn immer wieder auf die Beine. Freunde wie Peter Kreuz bewundern seinen starken Durchhaltewillen und wünschen ihm: „Mach so weiter!“ Besonders jetzt, wo ihn ein Handbruch stark behindert. Typisch für ihn: Kaum aus der Reha zurück, schaut er in die Post und auf den Kalender: „Mal sehen, ob ich Zeit habe, es sind so viel Termine aufgelaufen.“

Sportkamerad Bernd Philipp nennt ihn einen „Glücksfall für den TV Villmar, der richtige Mann am richtigen Fleck.“ Für Michael Rosam, 1. Vorsitzender des TVV heute, ist er „eine große Persönlichkeit und ein absolutes Vorbild.“ Keine Vorstandssitzung habe Herbert Müller in seiner Zeit als Vorsitzender (1973 – 1983) ausfallen lassen. Legendär die Treffen in der „Rochuskapelle“, seiner Hausbar, in Anspielung auf eine besonders gute Weinlage in Rheinhessen. Mit einer Glocke sorgt er immer wieder für Gesprächsdisziplin. Seinen „Vereinsspiegel“ (1975 – 1991) sieht er als „Bindeglied zwischen Vereinsführung und Mitglieder“. Und es gibt viel zu berichten: 1972 gründet „Geschäftsführer Müller“ eine Trimm-Dich-Abteilung, als Vereinschef schafft er 1974 sein Meisterstück: Neubau einer modernen Turn- und Mehrzweckhalle mit Untergeschoss für die Arbeit der Abteilungen. Hartnäckig setzt er sein Konzept durch, erreicht mit unermüdlichem Einsatz Zuschüsse, bis sie bezahlt ist. 1982 wird auch der Übungsplatz dahinter für die Leichtathletikabteilung weiter ausgebaut.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Herbert Müller in seiner Hausbar „Zur Rochuskapelle“

Selbst sportlich aktiv ist Herbert Müller auch beim Prellball oder Indiaca, er organisiert Wanderungen und mehrtägige Ausflüge, mit die Jugendzeltlager auf der „Spatzenburg“, führt fleißig das Vereinsarchiv, ist noch lange Beisitzer im Vorstand und leitet natürlich den Festbuchausschuss anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums 1991. Der Rat des Ehrenvorsitzenden wird immer noch gesucht: „Alle im Vorstand fragen Herbert“, sagt Michael Rosam, „wie das eine oder andere historisch gewachsen ist.“ Zum 125. Geburtstag des Turnvereins wird er am 5. November 2016 in der vollbesetzten König-Konrad-Halle für 70-jährige Mitgliedschaft und seine außergewöhnlichen Verdienste mit anhaltendem Beifall bedacht. Zum 80. Geburtstag gratuliert Herbert Schmidt mit den Worten: „Mögen sich noch viele Anlässe ergeben, die dich an unsere schöne und hoffnungsvolle Zeit im Turnverein erinnern – sicher wird dich dabei ein Lächeln begleiten.“


Foto s-w – Archiv Müller

Kategorien: Aktuelles